| Die Brust 1998 Textauszug |
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ZWEITER AKT 3. Szene Klara betritt mit Dr. Klinger das Zimmer. Er bleibt an der Tür stehen, sie sieht sich um und legt schließlich ihren Kopf an Keppler. KLARA Möchtest du, daß ich das gleiche wie letztesmal tue? KEPPLER Würdest du – es tun? KLARA Natürlich – wenn du willst. KEPPLER Ich will, ich will. KLARA Also sag mir, wie du es gern hast. Sag mir, was du am schönsten findest. KEPPLER Ist noch jemand im Zimmer? KLARA Nein wir sind allein. KEPPLER Siehst du irgendwo eine Fernsehkamera? KLARA Aber nein Liebling, nirgends. KEPPLER Oh. Dann drück so hart du kannst. KLARA David Liebster, möchtest du, daß ich es in den Mund nehme? KEPPLER Ja! Ja! Sie lieben sich. Anschließend sieht sie sich um und geht wortlos ab. Dr. Klinger setzt sich neben die Bettkonstruktion. Er nickt während Keppler erzählt. KEPPLER Es ist zuviel verlangt. Es ist zu gräßlich, es muß ein Ende haben. Ich möchte, daß sie es immerzu tut, jede einzige Minute, die sie hier ist. Ich möchte nicht, daß sie mir vorliest – ich höre ja gar nicht zu. Es macht mir keinen Spaß mehr, mich mit ihr zu unterhalten. Ich will einzig und allein, daß sie mich leckt und an mir saugt. Ich kann nicht genug davon kriegen. Ich ertrage es nicht wenn sie damit aufhört. Ich schreie, ich brülle: Mach weiter! Weiter! Ich ertrage es nicht, daß sie mich dann wieder verläßt, weil ich mehr will. Aber ich werde sie von mir treiben. Es muß ein Ende haben. Es wird sie schließlich von mir treiben. Und dann habe ich niemanden. Dann kommt nur noch morgens der Pfleger und damit hat sichs. Mein Vater wird kommen und mir erzählen, wer gestorben ist und wer geheiratet hat. Und sie werden kommen und mir von meiner Charakterstärke erzählen, aber ich werde keine Liebe mehr bekommen. Ich werde nie wieder Sex haben. — Ich kann mir Klara vorstellen, ich sehe sie vor mir – ich sehe, wie sie an mir saugt. Ich möchte, daß sie sich auszieht – aber ich habe Angst. Ich will sie nicht von mir treiben – es ist schon grotesk genug, und doch stelle ich mir vor, daß sie nackt ist, ich will, daß sie nackt ist, daß ihre Kleider auf dem Boden liegen, zu ihren Füßen. Ich möchte, daß sie sich auf mich legt und auf mir wälzt. Oh Doktor, wissen sie, was ich eigentlich möchte? Ich möchte sie ficken! Ich möchte, daß dieses große Mädchen sich am Kopfende dieser Hängematte vorbeugt und sich meine Brustwarze hineinsteckt. Und dann auf ihr reitet, rauf und runter – ich möchte, daß meine Brustwarze sie ganz verrückt macht. Aber ich habe Angst, ihr das zu sagen – es wird sie von mir treiben! Sie wird davonlaufen und nie wiederkommen. • • • |
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DRITTER AKT 1. Szene Dr. Klinger befindet sich im Zimmer. ERZÄHLERSTIMME KEPPLER Trotz all meiner Willensstärke überstiegen die morgendlichen Waschungen meine Kraft. So ging man schließlich dazu über, meine Brustwarze samt ihrem Hof mit einem milden Lokalanästhetikum zu besprühen, bevor Hr. Krone damit begann, mich für den Tag vorzubereiten. Und obwohl das Vereisungsspray nicht jedes Empfindungsvermögen in mir blockierte, so war es immerhin so weit herabgesetzt, daß ich die Oberhand gewann – in einem Ringen, in dem ich schließlich Sieger blieb. DR. KLINGER Arthur Schönbrunn ist hier. Er hat nachgefragt, ob sie ihn empfangen. – Wer ist er überhaupt? KEPPLER Er ist der Dekan der Philosophischen und Naturwissenschaftlichen Fakultät. Ich kenne ihn seit meiner Schulzeit. Er hat mich vor Jahren dazu bewogen, hierher zu kommen. Fünfzig Jahre alt und sehr wortgewaltig. Für einen Akademiker ein beängstigend weltgewandter Mann. Bis zum heutigen Tag ist er ein Rätsel für mich. DR. KLINGER Denken sie, daß sie seine Anwesenheit verkraften werden? KEPPLER Wahrscheinlich haben ihn meine Kollegen ausgewählt mich zu besuchen. Er kommt in offizieller Eigenschaft. Seine Frau wird als Lady Macbeth bezeichnet. Aber Dekan Schönbrunn ist kein Narr und ich glaube nicht, daß er seine schriftstellerische Begabung den Träumen seiner Frau opfert. Mit Anfang Dreißig hat er sehr scharfsinnig über Musil geschrieben. Dann hat man nichts mehr von ihm gehört und über sein zweites Werk wurde soviel gemunkelt, daß er bei der Veröffentlichung zehn Jahre später im Universitätsleben bereits eine solche Rolle gespielt hat, daß man sich nicht mehr vorstellen konnte er habe außerhalb des Sitzungsraumes auch noch ein anderes Leben, geschweige denn eine Schreibmaschine in seiner Dachstube, an der er samstags oder spät in Abgeschiedenheit hockt, um über so etwas vertracktes wie die Kleistsche Prosa nachzudenken. DR. KLINGER Es scheint ein zuverlässiger Mann zu sein, mit dem sie nach ihrem Sieg über das Wüten wieder eine ersten gesellschaftlichen Kontakt aufnehmen könnten. Seine erste Anfrage bestand aus taktvollen Zeilen und er macht einen großmütigen und rücksichtsvollen Eindruck. KEPPLER Denken sie ich könnte wieder arbeiten? Vielleicht Grundkurse über die „Meisterwerke der abendländischen Kultur“. Klara würde mir die Referate der Studenten vorlesen, und ich könnte ihr die Korrekturen, Kommentare und Benotungen diktieren. — Ich glaube mir kommen die Tränen. Antworten sie ihm, ich sei sehr gerührt über seine Anteilnahme. Wenn überhaupt ist er derjenige, mit dem ich darüber sprechen kann. Dr. Klinger verläßt den Raum, holt Schönbrunn herein und verläßt den Raum. ARTHUR SCHÖNBRUNN kichert David. Wie geht es dir? KEPPLER Arthur? Sind wir allein? ARTHUR SCHÖNBRUNN weiter kichernd Ja. KEPPLER Ich wollte mit dir darüber reden, ob ich wohl wieder Kurse geben kann. Klara könnte mir helfen und ich könnte den Weg zurück in das gesellschaftliche Leben finden. ARTHUR SCHONBRUNN Es – es – David, es tut mir leid, daß ich – daß... Arthur Schönbrunn übermannt die Heiterkeit, er ist nicht mehr fähig zusammenhängend zu reden. Das Kichern wird zu einem lang andauerndem, brüllendem Gelächter. Er verläßt den Raum. |
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2. Szene Zwei Tage später, Klara betritt den Raum. Sie hat ein Paket im Arm. KLARA Schönbrunn hat geschrieben. Er entschuldigt sich. Soll ich es dir vorlesen? KEPPLER zerknirscht Ja. KLARA liest Ihr Mißgeschick hätte nicht durch einen übersensiblen Menschen wie mich aggraviert werden dürfen. Ich bin außerstande zu erklären, was über mich gekommen war. Jeder Versuch dazu würde uns beiden doch nur wie Heuchelei erscheinen. KEPPLER Das ist so ein Scheißstil, wie sein schmaler Band über Musil. KLARA Es ist die Handschrift seiner Frau. Es ist ein Geschenk dabei. KEPPLER Was ist es? KLARA Eine Langspielplatte: Laurence Olivier als Hamlet. KEPPLER Shakespeare, William. Oh, ausgezeichnet. Diese anmaßend spießige Sau. Was ist mit meinen in Saffian gebundenen Werken von Balzac! Warum nicht Beethovens Fünfte? – Klara bitte setze eine Brief für mich auf. Klara nimmt Papier und Bleistift aus ihrer Tasche und schreibt. KEPPLER „Übersensibel? – Wenn überhaupt etwas, – so ist die Tatsache, daß sie sich vor Lachen ausschütteten, ein Beweis für allerrobusteste Vitalität. – Der Übersensible bin ich – wenn es anders wäre, so hätte ich in ihr Lachen ein-gestimmt. – Ich weiß die ungeheure Komik von all dem nicht zu würdigen, – weil in mir mehr von Arthur Schönbrunn steckt, als in ihnen, sie eitler, narzißtischer, aufgetakelter Fatzke.“ — Oh Gott. ist das meine ganze Würde? Schmerzt meine verletzte Eitelkeit am allermeisten? — Was gäbe ich für ein so recht von Herzen kommendes, unbezähmbares Lachen auf meine Kosten. Für ein Lachen, daß dort unten, wo ich als Wassermelone ende beginnt und sich, anschwellend, nach oben hin fortsetzt, bis es freudig aus den Öffnungen meiner Brustwarze sickert. ——— Wirf den Brief fort und notiere folgendes: „Liebe Debbie und lieber Arthur S. — Innixten – schreib es mit x – Dank für die dufte Platte.“ Unterschreibe mit Dave, die Brust, Keppler. KLARA Ok. KEPPLER Hast du innixten auch mit x geschrieben? KLARA Ja, David. KEPPLER Gut. Dann gib ihn bitte auf. Klara ab. |
3. Szene Dr. Klinger sitzt an der Bettkonstruktion. ERZÄHLERSTIMME KEPPLER Von diesem Besuch an weigerte ich mich zu glauben, daß ich mich in eine Brust verwandelt. Nachdem ich unter größten Anstrengungen meine Sexualphantasien fast gänzlich unter Kontrolle gebracht hatte, überkam mich die Gewißheit, daß all dies unmöglich sei. Ein Mensch kann sich nicht in eine Brust verwandeln – außer in seiner Einbildung. Der Schock den das bewirkt hatte, war so gewaltig gewesen, daß ich fast sechs Monate dazu brauchte, die gesamte Realität in Frage zu stellen. |
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