Bilder    Premierenbericht  



    Der Fahnenträger 2004
Premierenbericht
 
 

Der große Krieg ist weit. 1899 schreibt der vierundzwanzigjährige Rilke das, wie er später abschätzig vermerkt, "versinfizierte Frühwerk" »Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke«. Eine Art fiktiver Genealogie mit angekündigter Todesfolge, die später - glaubt man den Berichten - in vielen Weltkriegstornistern mitgeschleppt worden sein soll.

Trotz des Autors despektierlicher Einschätzung, unter einer durchaus pathetischen Schicht liegen die typischen Rilkethemen späterer Jahre "in nuce" schon verborgen: Tod, Sexualität, die changierenden Frauenbilder, dazu das Schweben zwischen Vers und Prosa. Das Schweben kommt wie das Pendant der tranceartigen Wiederholung des dreimaligen "Reiten, reiten, reiten" daher; und hier knüpft das Regieteam an: ein Skilanglauf-Trimm-dich-Gerät wird zum zentralen Objekt, an dem Thomas Krutmann mit verkabeltem Helm sich als Darsteller abarbeitet.

Selbstkasteiung als Gewöhnung und zugleich Monotonie als Sprungbrett des Assoziierens und Träumens. Ein Gleiten zwischen Wachzustand und Phantasieren. Die Zuschauer sitzen in der Halle, dem kahlen Fabrikraum des Gebäude 9, um  diese militärgrüne Traummaschine und den in ein Fechtkostüm gekleideten Cornet herum, nach dem sie ihre Stühle zuvor selbst ausrichten mussten. Eine Fahne aus Licht, Schatten streichen vorbei, der Feuerschein wird sichtbar; ohne in Naturalismus zu verfallen, findet die Regie Bilder für die Handlung aber auch die rhythmisierte Prosa des »Cornet«.

Als Kontrapunkt werden Videoprojektionen und Musik eingesetzt; historisches Bildmaterial, verfremdet durch Einfärbung, deutet den geschichtlichen Rahmen an, stellt Bezüge her, öffnet den Inszenierungs-Raum von der Flanke her,  strahlt in die Spielfäche hinein, oder überwölbt mittels Musikeinspielungen - vom Soundtrack des Kriegsfilms »Platoon« über einen Kärtner Männerchor bis hin zum Horst-Wessel-Lied gespielt auf einer Spieluhr. Ein Zitat an das Theater Christoph Marthalers.

Wenn Rilkes Reiter im Schloss ankommen, sich zwischen dem Cornet und der Schlossherrin ein erotisches Abenteuer anbahnt, steigt Thomas Krutmann von seinem militärischen Übungsgerät herab, durchstreift die Zuschauerreihen, sucht den Kontakt, ohne sich anzubiedern, verteilt einzelne Sätze im Fastdunkel sechs roter Glühbirnen an die Ohren der Zuschauer. Dieses merkwürdig verdrehte, erotische "ius primae noctis", die zugleich Cornets "ultimae" sein wird, bleibt aufgehoben in einer Beliebigkeit, einer Wahllosigkeit, in der Individualität genauso wenig eine Rolle spielt wie später im Tod. Es ist das ekstatische Moment, um das es geht. Der Schluss, die Bewahrung der Fahne und der Tod in der Schlacht, vollzieht sich wieder auf der Gleitmaschine, traum- und tranceartige Euphorie im Rhythmus der Monotonie, eine letzte Musikeinspielung kommentiert mit dem Zertreten der Horst-Wessel-Lied-Spieluhr.

Hans-Christoph Zimmermann

 
   



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