| Der
Tribun 2004 Konzept |
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»Vom Balkon seiner Residenz übt der erste Mann im Staat eine jener endlos dahinfließenden Reden, die er häufig der versammelten Bevölkerung vorzutragen pflegt. Es ist Nacht. [..] In einer Ecke des Platzes steht die beste Militärkapelle des Landes parat. Die Musiker dürfen ihre Instrumente nicht bedienen: Über Lautsprecher werden die Märsche eingespielt [..]« Bei den jahrelangen Recherchen und dem Sammeln für den »Tribun« wurde mir nun klar, dass eine Mischform von genau Formulierten und spontan Extemporierten angepeilt werden sollte. Die Gedanken des Redners notierte ich auf circa 500 Karteikarten und zwar zunächst stichwortartig. Einige Beispiele: »Wollen und Können / Kampfritual / Meine Botschaft / Das Volk irrt nie / Ich bin Euer Adler / Spekulationen / Der äußere Feind / Der Staat bin ich / Brot und Granit / Frauen und Kinder / Macht und machen lassen / Arbeiter.« Ich sprach bereits von der Einheit zwischen Arbeitsmethode und akustischer Realisation, welche mir stets vorschwebt. Ich schloss mich für mehrere Sitzungen hintereinander mit meinen Karteikarten in einem Aufnahmestudio ein und begann bis sieben Stunden täglich, wie es so schön heißt, über Gott und die Welt (also: über alles und nichts Bestimmtes) zu sprechen. Im Verlauf dieses Redeflusses zog ich, genau wie unzählige Politiker jeglicher Couleur vor mir und sicherlich noch viele danach, alle Register zwischen dem Rationalen und Irrationalen. Ich log, schmeichelte und wiederholte mich, schrie, lachte und zeigte eine dicke Haut gegen Angriffe, warnte, war grob und unbeherrscht, akzeptierte mein Schicksal, verlangte, mahnte und vergaß nicht, mit langsam tremolierender Stimme sentimental zu werden, verteilte Ohrfeigen und war stets mannhaft genug, um der besseren Zukunft willen vorwärts zu marschieren, erinnerte an die vergangenen Opfer und wusste schon neue zu nennen, kündigte Niederlagen und verschärfte Kontrollen an, stellte die Niedertracht unser traditionellen Feinde bloß, wies auf die kommenden Gefahren neuer Gegner hin und war bereit, sogar Selbstkritik zu üben, vorausgesetzt, dass alle anderen, die auch Fehler gemacht hatten, Ähnliches täten. Eine erfundene oder eine wiederhergestellte Fiktion? (Mauricio Kagel: Rede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden am 16. April 1980 im Plenarsaal des Deutschen Bundesrates, Bonn. In: »Das Buch der Hörspiele«, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982) |
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